Mutti-Freunde: Die unbekannten Wesen

Mittwoch, 9. April 2014



„Wenn du erst mal Kinder hast, freundest du dich mit allen möglichen Menschen an, nur weil sie auch Kinder haben“, hat mir eine Freundin in der Schwangerschaft gesagt, und ich habe gelacht. Jetzt weiß ich, dass sie Recht hat. Ich habe noch nie mit so unterschiedlichen Leuten meine Vormittage verbracht. Ob Studium, Yogakurs oder auf der Arbeit – irgendwie wusste ich immer so ungefähr, was für ein Menschenschlag mich hier erwarten würde. Beim Muttisein ist das anders. In einer Altersspanne von 18 bis 42 treffe ich hier auf die unterschiedlichsten Frauen, die nur eins verbindet, eben ein Baby. Besonders deutlich wurde mir das in der Schwangerschaft beim Geburtsvorbereitungskurs. Wir haben so einen Wochenend-Crashkurs für Paare gemacht. Ja, auch mein Mann sollte sich auf Fantasiereisen begeben und mit seinem ungeborenen Kind kommunizieren. Mit uns im Kurs: eine Kinesiologin, eine Fleischereifachverkäuferin, eine Studentin, eine Theologin und eine Soldatin. Ich sollte an diese Stelle ein Sternchen setzen, dass ich diese Truppe nicht frei erfunden habe, sondern dass wir wirklich so zusammenfanden und uns in den Pausen auch prächtig verstanden. Dennoch haben wir damals keine Telefonnummern ausgetauscht. Damals war ich ja nur schwanger, hatte also noch ein Berufsleben, kollegialen Austausch, Abende mit meinem Mann. Aber jetzt bin ich Mutti, und wenn die Kleine schon morgens um 5 Uhr kräht und erst abends um 19 Uhr wieder müde wird, können Tage voll Bibabutzemann ganz schön lang sein. Also mache ich Kurse. Suche nach Stillcafés, Krabbelgruppen, Mutter-Kind-Frühstücken. Heute war Frühstück.
Dass ich Amateur-Mutti bin, hat man mir wohl angemerkt. Erstens hat meine Kleine wohl als einziges Kind unter Hose und Socken keine Strumpfhose angehabt, zweitens hatte ich die Wickeltasche vergessen, drittens hatte ich keine Tupperdose dabei. Ich trug Chucks, eine schwarze Lederjacke und eine Flickenjeans. Und frage mich jetzt, wie ich wohl auf die anderen Muttis gewirkt haben muss. Es ist doch so: Meistens stellt man sich mit seinem Namen vor und sagt kurz, was man beruflich macht. Das übliche „Was machst du denn so?“. Und jetzt? Jetzt stelle ich meine Kleine vor. Denn ich bin Mutti und interessiere nicht. „Das ist Piepsi, sie kam im Dezember zur Welt, ja, wir hatten einen schwierigen Start, und hey, sie kann sich schon drehen, auch wenn sie momentan keine Lust dazu hat.“ So erfuhr ich heute Morgen von Justin, der per Kaiserschnitt kam, von Jonas, der mit zehn Monaten schon laufen kann, von Maximilian, der die Trommel nie im Takt schlägt. Und die Mütter? Keine Ahnung. Vielleicht ist eine Astrophysikerin unter ihnen, eine Meeresbiologin, eine Russischlehrerin, eine Schriftstellerin? Vielleicht hat jemand ein wahnsinnig spannendes Hobby oder einen grandiosen Musikgeschmack? Vielleicht gibt es hier irgendjemanden, mit dem ich verdammt gute Gespräche führen könnte, auch wenn die Person nicht nach Indie-Rock’n’Roll aussieht, aber so oberflächlich will ich ja nicht sein, auch wenn ich es natürlich bin. Vielleicht sollte ich das nächste Mal einfach fragen, was die Muttis jenseits des Mutti-Daseins denn so tun.  Auch wenn gerade alle in Elternzeit sind – es hat schließlich ein Leben vor dem „Tag B“ gegeben. Aber tatsächlich habe ich etwas Hemmungen,
zu fragen. Vielleicht, weil sich eine Mutti dazu entschieden hat, Mutti zu sein und keinen Beruf mehr auszuüben und sich durch meine Fragerei nach einem Mehr unter Druck gesetzt fühlen könnte? Sei’s drum, das riskiere ich. Müssen ja keine Freunde werden.

4 Kommentare

  1. Oh, da kommen Erinnerungen hoch :) Bei mir waren diese Babygruppen ganz ähnlich. Bin irgendwann einfach nicht mehr hin.

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  2. Hach, mir gefällts bei dir :) Kann ich irgendwo meine Hausschuhe unterstellen?! Ich komm jetzt öfter vorbei!

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    1. Das freut mich. Nur hereinspaziert, ist ja noch genug Platz;) Schöner Blog, by the way.

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  3. Hehe, ich fand's auch seltsam, mich mit Leuten zu unterhalten und auch nach mehreren Treffen gar nichts über sie zu wissen. Und in ersten Jahr (hatte 2 Jahre Elternzeit) ist mir das ausschließliche Babygerede auch tierisch auf den Senkel gegangen- man ist ja schließlich mehr als nur Muddi! Und überhaupt, immer mit diesen Leuten zusammenzuhocken, die man sich so ja vielleicht gar nicht ausgesucht hätte...! Also habe ich irgendwann angefangen persönliche Fragen zu stellen und dann wurden aus einigen der Mitmütter tatsächlich Freundinnen. Und wenn wir uns jetzt mal abends ohne Kinder zum Essen treffen, dann geht's halt immer noch viel um die Kurzen, aber erstens nicht ausschließlich, und zweitens IST es ja auch ein wichtiges Thema. UND man hat dann beim Treffen mit Prä-Baby-Freundinnen den Kopf frei, um über Exfreunde und Schulfeindinnen zu lästern, anstatt die kinderfreie Gesellschaft mit Babykram zu langweilen.

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