Das geheime Leben meiner Mitmenschen

Mittwoch, 11. Juni 2014



Es gibt Uhrzeiten und es gibt Wetter, zu denen nur bestimmte Menschen auf der Straße anzutreffen sind: Jogger, Hundehalter, Kinderwagenschubser. Da ich nun täglich meine Runden drehe, kenne ich ein paar von ihnen auch schon, grüße freundlich oder nicke mit wissendem Blick. Überhaupt bin ich seit meiner Muttischaft zu Zeiten in meinem Viertel oder in der Stadt unterwegs, die ich so nicht kannte - und bin erstaunt, wie viele andere Menschen noch so unterwegs sind. Und zwar auch ohne Hund, Baby oder Stirnband. Wer sind all diese Menschen, die um 8 Uhr zur Post oder zum Arzt gehen können, die in Ruhe einkaufen oder in die Werkstatt fahren? Das können doch nicht alles Hausfrauen, Rentner, Studenten oder Arbeitslose sein? Ich habe mich schon immer gefragt, für wen die Geschäfte in der Innenstadt den ganzen Tag so geöffnet sind. Ich habe es jedenfalls als Berufstätige unter der Woche nie pünktlich zur Post geschafft. Aber mit jeder Kinderwagenrunde lerne ich meine Mitmenschen ein bisschen besser kennen. Erfahre Dinge, die mir als Kinderwagenlose stets verborgen geblieben wären.
Inzwischen weiß ich, dass der Labrador des Kioskbesitzers Felix heißt und die Tochter der Bäckereifachverkäuferin auch ein Kolik-Kind war. Ich plausche mit meinen Nachbarn auf dem Flur und habe die Frau kennengelernt, die immer unser Treppenhaus nass wischt. Und ich weiß vom Sitzer. Der Sitzer ist ein älterer beleibter Herr mit weißer Schirmmütze, der jeden Nachmittag auf dem Mäuerchen vor seinem Haus sitzt und guckt. Der Sitzer ist mir etwas unheimlich. Bei der ersten Begegnung habe ich noch versucht, ihn zu grüßen. Doch er hat weiter starr auf die Straße geblickt. Vielleicht sieht er ja auch einfach sehr schlecht? Vielleicht ist er aber auch der heimliche König der Straße, dem hier alle Häuser gehören? Der das Geschehen auf seiner Straße kontrolliert? Jedenfalls wechsel ich seit Kurzem die Straßenseite, um dem Blick des Sitzers zu entgehen. Ich werde ihn im Auge behalten. Vielleicht erfahre ich durch den Kioskbesitzer oder die Bäckereifachverkäuferin mehr über den Sitzer? Und vielleicht lüfte ich bis zum Ende meiner Elternzeit auch noch das Geheimnis der Herkunft all dieser Menschen in der Einkaufsstraße? Die können doch nicht alle Elternzeit haben?

4 Kommentare

  1. Ach ich liebe deine Beiträge.

    Ich hätte da noch paar Sorten an zu bieten.
    Urlauber, Leute die einfach mal frei haben, Schichtarbeiter, Kranke denen man die Krankheit nicht ansieht oder die vielleicht gar nicht krank sind, Schwangere im Beschäftigungsverbot, Eltern kranker Kinder, ....

    Wenn ich an meinem freien Tag mal mit der Freundin frühstücken fahre, dann fragen wir uns das auch immer, warum gegen 9Uhr die Stadt so voll ist.

    Forschungsergebnisse würde ich gern lesen :-)

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  2. Ach, und ich liebe solche Kommentare:) Da macht das Bloggen Spaß! Ehrlich - hätte nicht gedacht, dass bei der Fülle an tollen Blogs hier irgendwer mitliest und freue mich sehr darüber! Mal sehen, ob Piepsi und ich das noch rauskriegen, wer all diese Menschen sind...

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  3. Bin ja nicht die Erste, die sich da so ihre Gedanken macht... https://www.youtube.com/watch?v=W1MADbhcp0A

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  4. Ach ja...andere Menschen sind immer spannend. Schon oft wünschte ich mir, die Leute hätten Gedankenblasen über ihrem Kopf, wie in einem Comic, damit man wüsste was sie gerade denken, wohin sie gerade gehen oder worüber sie sich gerade freuen, traurig sind....

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