Gastbeitrag: Was macht der Hubschrauber in Piepsis Knisterbuch?

Sonntag, 22. Juni 2014


Voller Stolz präsentiere ich den ersten Gastbeitrag auf meinem Blog! Und zwar von Kulturredakteur und Profi-Papa Daniel Benedict. Ich habe ihn um eine Rezension von Piepsis erstem eigenen Buch gebeten. Denn so ganz schlau bin ich aus der Dramaturgie dieses Werkes nicht geworden, vor allem der Hubschrauber ist mir ein Rätsel. Doch Daniel klärt auf:

Ein Ball, ein Stapelspiel, ein Esel mit adrettem Latz, ein Stern, ein Baum - und ein Hubschrauber. Das sind die Motive in Mutter Rabes zartblauem, kuschelweichen Knisterbuch. Was soll das technische Gerät in meiner flauschigen Kinderwelt, fragt sie und wendet sich an mich, den Experten. Liebe Mutter! Schon die Frage ist falsch, denn wir sind hier gar nicht in deiner Welt. Wir sind in meiner, im Männerkosmos, dem ratternden Maschinenpark einer kalten Fantasie, der trostlosen Heimat der Buchmuffel und Bildungsverweigerer. Ein Hubschrauber ist im Knisterbuch das Action-Element - und zugleich eine Botschaft an alle Jungs und Männer: Hey, schau mal hier, Lesen kann cool sein. Dass Väter nicht vorlesen, ist nämlich der offizielle Grund für alle Probleme, die ihre Söhne mal haben werden: schlechte Schulabschlüsse, Medienverwahrlosung, soziale Anpassungsschwierigkeiten, Jugendgewalt, Probleme beim Rückwärtslaufen, Exzesstrinken. Es wird aber gegengesteuert: Bildungskampagnen und natürlich auch Knisterbücher werden jetzt speziell auf Männer zugeschnitten, auch wenn keiner mehr daran glaubt, dass aus denen noch nennenswerte Erfolge rauszuholen sind. Neulich hat mir eine Leseaktionistin in der Einkaufspassage einen Stoffbeutel in die Hand gedrückt - auf den Lippen die Worte "Fürs Vorlesen!", in den Augen die Angst vor meinem vorhersehbaren Desinteresse. "Vorlesen? Bist du bescheuert? Das macht bei uns die Frau und wenn, dann im Mädchenzimmer!" Mit irgendsowas hätte ich die Frau gern erschreckt. Aber wenn es was umsonst gibt, werde ich immer so unspontan. Im Baumwollsack war ein Bilderbuch aus dem Dudenverlag: "Mein erstes Wörterbuch". Sehr gut, ein Nachschlagewerk! Das versöhnt mit dem albernen Reihentitel "Duden Zwerge". Vor allem ist es keine Dublette zum Bilderbuch im nächsten Lesesack. Den gab's eine Woche später bei der U6. Alles andere habe ich jetzt doppelt. Die mehrsprachige Vorleseanleitung zum Beispiel, mit deutschen, türkischen und polnischen Abzählreimen und dem originellen Tipp, beim Vorlesen die Stimmlage zu variieren. Damit das Baby begreift, wo es lustig wird. Für hartgesottene Leseverweigerer, die nicht mal mehr Broschüren lesen, war auch eine DVD im Beutel. Die habe ich mir aber nicht mehr angeguckt. Dabei sehe ich, seit das Kind da ist, viel öfter fern. Bücher nehme ich kaum noch zur Hand. "Mein erstes Wörterbuch" mal ausgenommen. Da schätzt die Stiftung Lesen mich ganz richtig ein. Mein Sohn sieht mich nie lesen. Es ist aber nicht nur meine Schuld. In ganz, ganz seltenen Momente lese ich nämlich doch mal was. Das Kind darf es aber nicht wissen. Sonst unterbindet er es.

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