Schub, schub, schubiduuu: Oje, ich lese Ratgeber

Sonntag, 1. Juni 2014



"Bitte, Mutter Rabe! Tun Sie sich und mir das nicht an!" Ja, gebettelt hat er. Gefleht. Die Hände gefaltet und gen Himmel gereckt. Doch es hat ihm nichts genützt. Es war ja schon zu spät. Denn trotz aller Warnung unseres Kinderarztes war ich längst angefixt. Von Ratgebern.
"Ist halt eine Berufskrankheit", rechtfertige ich mich, wenn mir wieder einmal gesagt wird, dass ich nicht so viel googlen solle. Ich bin Journalistin. Heißt: Ich weiß nichts, schlage aber alles nach. Mir ist durchaus bewusst: Die nächste schwerwiegende Krankheit ist nur zwei Mausklicks entfernt. Aber gerade in der Schreibaby-Zeit habe ich das Internet durchforstet. Auf der Suche nach einer Lösung, die es so nicht gab. Denn Piepsi war ja nicht krank. Nur noch nicht im Leben angekommen. Und wenn man es genau betrachtet, bin ich das auch noch nicht, und Schreien scheint mir angesichts dieser unserer Welt durchaus angemessen und sogar recht vernünftig.
In zahlreichen Foren wurde schließlich immer wieder auf dieselben Ratgeber verwiesen, über die ich die Stirn runzelte, denn eigentlich bin ich ja auch Anhängerin von "Jedes Kind tickt anders" und "Irgendwie sind doch alle groß geworden". Mittlerweile stehen sie jedoch alle in unserem Bücherregal. Und ich runzele immer noch die Stirn. Hier eine Auswahl:

"Oje, ich wachse" von Hetty van der Rijt und Frans X. Plooij. Der absolute Klassiker, über den ich an dieser Stelle eigentlich richtig vom Leder ziehen wollte. Aber das war, ehe Piepsi 19 Wochen alt wurde... Also: Im Kern geht es in dem Buch darum, dass Babys bestimmte Entwicklungsschübe durchmachen und vor diesen Schüben richtig mies drauf sind. Und ich muss sagen: Das haben auch wir bemerkt. So lag Piepsi nach einem Tag in der Vorhölle eines Morgens auf dem Wickeltisch und sagte laut und deutlich zu uns: "ÖAL!" Unser Kind hatte sein erstes Wort gesprochen! Und dann auch noch auf Englisch! Und da sie dabei ihren Stoffhund im Arm hatte, heißt der fortan "Earl". Ähnlich war es mit dem gezielten Greifen oder dem Drehen. Nach richtig fiesen Tagen überraschte uns Baby mit neuem Können. Was ich dem Buch jedoch nicht so recht abnehme, sind die Zeitangaben. "Oje, ich wachse!" schreibt nämlich genau vor, wann so ein Schub stattfindet und wie lange er dauert, nur um dann  zu ergänzen, dass so ein Schub in zwei Tagen oder aber in drei Wochen durchgestanden sein könne. Ja was denn nu? Außerdem müsse man die Zeit, die ein Baby zu früh auf die Welt gekommen sei, noch dazurechnen. Piepsi war zwei Wochen zu früh dran. In ihrer Entwicklung allerdings ziemlich auf den Punkt, was unsere Hebamme bestätigt. Wenn ich nach dem Ratgeber gehe, habe ich also KEINE AHNUNG, in welchem Schub unsere Maus gerade stecken könnte. Eine Bekannte von mir, die meiner Meinung nach ebenfalls ein Schreibaby hatte, schaffte es, ein halbes Jahr Dauergenörgel und -geheule ihrer Lütten anhand dieses Buchs zu rechtfertigen. Wenn es ihr die Sache leichter gemacht hat, ist das ja auch in Ordnung. Und als es mal gerade kein Schub war, kamen halt die Zähne.
Nee, du. Schübe sind doch Murks. Irgendwie ist das ganze erste Babyjahr doch nichts anderes als ein einziger Schub. Habe ich gesagt. Um mich dann kurz vor Piepsis wirklich verdammt anstrengender 19. Lebenswoche sagen zu hören: "Ich glaube, sie steckt gerade in einem Schuuuub. Jedenfalls steht das so in diesem Buch...."

"Das glücklichste Baby der Welt" von Dr. Harvey Karp. Untertitel: "So beruhigt sich Ihr schreiendes Kind - so schläft es besser". Ein Buch, dessen Methode ich angewandt habe, ohne die 372 Seiten gelesen zu haben. Und die geht so: Baby wird gepuckt, in Seitenlage geschuckelt, Schnulli in den Mund und dabei immer schön schschschschsch ins Ohr zischen. Ja, das hat Piepsi in der Anfangszeit wirklich ruhiger gemacht. Warum es geholfen hat und was hinter der Unruhe vieler Babys in den ersten Wochen steckt - das ist sicherlich interessant. Wer aber ein Kolikenbaby hat, der weiß auch, dass man in dieser Zeit kaum dazu kommt, eine Dusche zu nehmen. Geschweige denn, ein Buch zu lesen. 

"Babyjahre" von Remo H. Largo: So, hier kommt meine Empfehlung. Das einzige Werk, für das ich kein Geld ausgegeben habe, sondern das ich von einer Freundin geliehen bekommen habe - für das ich aber durchaus bereit wäre, Geld zu zahlen. Völlig unhysterisch beschreibt hier Largo in unterschiedlichen Kategorien (Motorik, Spielverhalten, Essen+Trinken, Schlafen usw.) die Entwicklung von Babys in den ersten zwei Jahren. Ein angenehm unaufgeregtes Buch für ewig aufgeregte Amateur-Muttis. Zudem erlebe ich immer wieder Aha-Effekte. Zum Beispiel habe ich es bislang für einen Piepsi-spezifischen Tick gehalten, dass sie beim Stillen immer mit einem Fäustchen meinen Pulli festhält ("Kontrollhändchen!"). Tatsächlich machen das aber ganz viele Babys. Und auch den "Schreigipfel" in der 6. Lebenswoche können wir bestätigen. Zum Stichwort Schreigipfel fiele mir jetzt auch noch einiges ein. Aber das ist eine andere Geschichte...  

4 Kommentare

  1. Remo H.Largo kann ich auch wärmsten empfehlen, ebenso Jesper Jul.

    Was ich auch gern immer wieder in der Hand habe ist "das Kinderbuch" von Anna Wahlgreen

    Oje ich wachse, war für mich super ernüchternd. Wann bitte befindet sich Baby nicht grad in oder vor einem Schub?????

    Ansonsten finde ich, sollte man sich lieber Märchenbücher, Bilderbücher, Bastelbücher und so was zulegen und auf sein Bauchgefühl hören.

    Ratgeber machen irgendwann einfach nur noch verwirrt.

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  2. Über Jesper Juul habe ich auch viel Gutes gehört. Fehlt noch in meiner Reihe!

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  3. neben "babyjahre" bisher der einzige ratgeber, dessen ansichten ich zu rund 80% teile (was ich für einen immens hohen prozentsatz halte angesichts der tatsache, dass alle menschchen verschieden sind): tom hodgkinson - "leitfaden für faule eltern".

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  4. Ich kann noch das Buch "Die Suche nach dem verlorenen Glück" von Jean Liefloff sehr empfehlen. Den Tipp hat mir meine liebe Hebamme gegeben

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