Die lieben Nachbarn

Mittwoch, 10. September 2014

Eine Bekannte hat einmal gesagt: "Früher, da wohnten alle meine Freunde in der Innenstadt. Dann bekamen sie Kinder." Und seither ist es, als ob ins Zentrum eine Bombe eingeschlagen und alle an den Stadtrand katapultiert hätte - in Eigenheime mit Gärten. Eigenheime haben einen großen Vorteil: Die nächsten Nachbarn sind (meist) etwas weiter entfernt und kriegen daher das Familienleben nicht ganz so ungefiltert mit. Eine der Babyschwimm-Muttis ist da nämlich derzeit schwer verzweifelt. Die lieben Nachbarn beschweren sich täglich über den "Kinderlärm", nun suchen sie eine neue Wohnung, was mit zwei Kindern gar nicht so leicht ist.
Bei mir ist das so: Ich wohne in einem Haus mit acht Parteien. Das Haus ist das hässlichste in der Straße und der Stadtteil weit entfernt davon, gentrifiziert zu werden. Wir sind die Jüngsten in unserem Haus. Dann kam Piepsi und brüllte die ersten zwei Monate die Bude zusammen. Es war ein deprimierender Dezembertag und ich war fertig mit den Nerven, als es schließlich an der Tür klingelte. "Die erste Beschwerde", dachte ich. Musste ja so kommen. Ich öffnete. Vor mir stand meine Nachbarin von gegenüber. In ihren Händen: ein Tablett mit Bratäpfeln und einem Schälchen mit Walnusseis. "Ich dachte, dass Sie vielleicht eine Stärkung gebrauchen könnten." Die Geburt steckte mir noch in den Gliedern, die Hormone fuhren Karussell und ich war kurz vorm Heulen. Ich hatte tatsächlich an diesem Tag noch nichts gegessen, und meine Nachbarin war mein persönlicher Vorweihnachtsengel.
Es blieb nicht bei diesem einen Mal. In den ersten Wochen klingelte es immer wieder, manchmal stand auch einfach ein Tablett mit einem Topf und einem kleinen Zettel "Zum Aufwärmen" vor der Tür. Einmal lag auch nur ein Zettel auf der Fußmatte. Mit der frohen Ankündigung: "Heute Abend habe ich Grünkohl für Sie." Und dann, es war ein Freitag, klingelte es noch einmal. Die Nachbarin, diesmal ohne Tablett: "Es tut mir leid, ich verreise über das Wochenende und kann leider nicht für Sie kochen." Mein Mann und ich witzelten hinter der geschlossenen Tür, sie hätte ja ruhig etwas vorbereiten und einfrieren können, aber natürlich waren wir unendlich dankbar für ihr Verständnis für eine junge Familie am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Auch jetzt, da Piepsi nicht mehr das anstrengendste, sondern nur noch das niedlichste Baby der Welt ist, ist das Interesse der Hausgemeinschaft an unserer Tochter ungebrochen. Wann immer ich mit Piepsi einem Nachbarn im Treppenhaus begegne, muss ich kurz anhalten, Baby angucken lassen und berichten, wie es ihr so geht.
Ich weiß, dass ich ein großes Glück mit diesem Haus und diesen Nachbarn habe. Was stört es mich da, dass das Haus potthässlich und die Gegend reichlich uncool sind? Die Menschen, die hier wohnen, sind zumindest ziemlich cool.

6 Kommentare

  1. Solche Nachbarn braucht die Welt ♥

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  2. Das ist wunderbar! Bei uns läuft es leider auch total schief mit den Nachbarn, obwohl die auch ein Baby haben. Ich wünsche Euch, dass es weiter so toll bleibt.

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  3. Oje, ihr Armen! Es macht das Babyjahr schon wirklich entspannter, wenn man sich nicht ständig fragt, was wohl die Nachbarn denken...

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  4. Es ist toll solche Nachbarn zu haben!
    Uns geht es da so ähnlich. Wir sind ein kleines Haus mit Hinterhaus dran. Auch haben wir einen kleinen laden dran, wo sich die Nachbarschaft gern trifft. Man kennt jeden (wenn nicht vom Namen her, dann von sehen), man grüßt sich und hilft.
    Und ja, wenn sich doch jemand mal beschwert wegen irgendwas, dann mit Höflichkeit und guten Grund und auch mit etwas Verständnis.
    Mit solchen Nachbarn macht es einfach nur Freude zu wohnen! ;-)

    LG Nicky

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  5. Solche Nachbarn zu haben, ist ein Glücksfall. Aber so sollte es eigentlich auch sein: Verständnis für einander aufbringen, sich gegenseitig unterstützen. Hilfe kann jeder irgendwann mal gebrauchen … dann freut sich der Nachbar, wenn er einen Nachbarn hat, der zum Beispiel mal die Blumen gießt im Urlaub.

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  6. Ach da geht einem doch das Herz auf. Wie nett:-)

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