Der perfekte Tag - mit und ohne Baby

Freitag, 21. November 2014

Wenn man mir mit irgendetwas KEINE Freude machen will, dann mit Postkarten mit Sprüchen, Kalendern mit Lebensweisheiten oder schlicht dem kleinen Prinzen. So sehr ich Robin Williams auch mochte, so sehr ich den "Club der toten Dichter" liebte (damals, als ich das richtige Alter hatte) - so sehr hasse ich dieses ganze Carpe-Diem-Gerede. Nutze den Tag! Ja, wo kämen wir denn da hin? Würde ich jeden Tag so leben, als wäre es mein letzter, dann würde ich sicher nicht mehr zur Arbeit gehen. Ich würde auch nicht fürs Alter vorsorgen. Ich würde wieder anfangen zu rauchen. Ich würde viel mehr trinken und viel mehr essen. Ich würde durch die Welt reisen ohne Rücksicht auf Verluste. Und Piepsi? Hätte ein Piepsi Platz in einer Welt, die ich komplett auskosten soll, deren Schönheit ich jeden Tag sehen und erleben soll? Den gestrigen Tag hätte ich dann zum Beispiel völlig versemmelt. Ich erspare mal den Tag und beginne den Abend bei meinem völlig verschnupften Baby, das meckernd und röchelnd im Bett lag, schließlich und endlich nach langem Händchenhalten einschlief, dann hustend wach wurde, so sehr hustete, dass es sich selbst vollkotzte, den Schlafsack vollkotzte, das Bett vollkotzte, mich vollkotzte. Bett frisch bezogen, Schlafsack in die Waschmaschine, Piepsi einen neuen Schlafanzug angezogen, Piepsi bekuschelt und durch die Wohnung getragen, Mond angeschaut, Neustart für den Nachtschlaf. Alle halbe bis ganze Stunde dann wieder Gehuste, ich auf einer Matratze neben dem Babybettchen, Händchen haltend, Wache haltend. Carpe Diem für den Arsch. Pizza und Gin Tonic, danach Clubleben auf einer Mittelmeerinsel mit meinen besten Freundinnen - das wäre einem perfekten Abend sicher näher gekommen. Nein, gestern war ein blöder Tag und einfach nicht zu retten. Und heute? Heute ist Piepsi immer noch erkältet. Aber vorhin. Vorhin, da hat sie sich meine Hand geschnappt und ist mit mir durch die Wohnung getapst. Ein verdammt schöner Moment. Mein Baby lernt nämlich gerade laufen. Das wird sie heute sicher noch nicht können. Und morgen sicher auch nicht. Aber irgendwann. Irgendwann wird sicher auch diese Erkältung vorüber sein. Also vergesse ich den Tag, zeige den Kalendersprüchen den Mittelfinger und lasse ihn ungenutzt. Schön ist dieser ganze Wahnsinn trotzdem, sogar ohne Gin Tonic. Aber das zu erklären, ist eben etwas kompliziert und schwierig und ich befürchte, ja tatsächlich, ich weiß es: Das Leben in all seiner Verrücktheit zu erklären. Das passt wohl kaum auf ein Kalenderblatt.

2 Kommentare

  1. Zeige dem Kalenderblatt den Mittelfinger....da lag sie unterm Tisch. :o) Selten so schön gelacht. Ich komm mit auf die Insel, ist doch wohl klar, Kinder hin oder her. Mensch sein und Wünsche haben muss sein! Herzliche Grüße Sandra

    ....übrigens hätte ich manchmal lieber vollgekotze Schlafsäcke wieder, als die Diskussion um die Zeit an den Medien. Anderes Thema :o) , schreibst Du bestimmt in 12 Jahren drüber....freue mich jetzt schon drauf!!

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    1. Oje, die Zeit an den Medien... eine Bekannte hat mir erzählt, dass sie das Internet nur sonntags von 6 bis 10 Uhr frei schaltet. Da können dann die Kinder surfen - und die Eltern ausschlafen;)

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