Bernd aus der Muckibude

Sonntag, 21. Dezember 2014

"Mutter Rabe, es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Sie keinen einzigen Muskel mehr besitzen."
"Och, ehrlich? Nicht mal so einen ganz kleinen?"
"Nein, tut mir leid. Nicht einen einzigen."
So in etwa verlief mein Gespräch beim Orthopäden, den ich kürzlich wegen "Rücken" aufsuchte. Also beschloss ich, etwas Unglaubliches zu tun und bin an einem Morgen, während Piepsi in der Krippe war, ins Fitnessstudio gegangen. Ich bin dort schon seit Längerem Mitglied, allerdings kennt man mich dort nicht. Und um 10 Uhr an einem Mittwochmorgen treiben sich dort auch nur ein paar Hausfrauen, Studenten und diese erschreckend fitten Rentner herum. Und ein paar wenige, die in Schicht arbeiten und sich vor dem Gang in die Firma noch mal richtig auspowern wollen. Während ich absurde Fliegengewichte stemmte, haben sich genau diese Schichtler über Bernd unterhalten. Denn Bernd ist sonst auch immer vormittags mit von der Partie, wie ich dem Gespräch entnommen habe. Aber jetzt drückt sich der Bernd. "Macht erstmal schööööön Elternzeit, und seine Frau auch", hat ein Mann mit grauen Schläfen und Muskelshirt zu einem Kahlrasierten gesagt. Schöööön Elternzeit, die faule Socke. Da hab ich doch glatt nochmal ein halbes Kilo auf die Maschine gepackt. Ich erinnere mich noch sehr gut an einen Bekannten, der aus der Elternzeit zurück ins Büro kam und den legendären Satz sagte: "Endlich wieder Büro!" Jawohl. Büro ist zwar oft anstrengend, manchmal auch nervig, aber immerhin gibt es Kaffee, den man heiß und ohne Eile trinken darf, zudem kann man hier ungestört aufs Klo gehen. Herz, was begehrst du mehr?
Im Ernst: Elternzeit ist keine Urlaubszeit. Okay, es gibt diese Schlafbabys, die nach fünf Minuten Knisterbuchgeknister unterm Spielebogen einschlafen, während Mutti die komplette Ausgabe der Zeit durchliest. Wurde mir gesagt. Die meisten Muttis, die ich kenne, haben sich jedoch wieder auf ihre Arbeit gefreut. Aus den unterschiedlichsten Gründen. Besagter Klogang, besagter Kaffee. Der Luxus, mal acht Stunden am Stück ein Oberteil tragen zu dürfen, ohne dass es vollgekotzt wird. Sich mal wieder richtig geistig betätigen, jenseits von "Wie macht die Kuh?". Weil es gut ist fürs Ego und  auch einfach notwendig, wieder selbst Geld zu verdienen. Weil man mal wieder über andere Dinge redet als übers Durchschlafen und Kinderkacke. Sicher: Die Elternzeit war eine tolle Zeit. Eine erfahrungsreiche, eine absolut einzigartige. Es war auch schön, einmal aus dem Büro herauszukommen und sich ganz auf sein Kind konzentrieren zu können. Ich bin froh, dass ich ein Jahr Elternzeit nehmen konnte. In meiner Krippe musste eine Mutter ihr Kind schweren Herzens schon nach acht Wochen in die Fremdbetreuung geben, da sie alleinerziehend ist und einfach mehr Kohle rankarren muss. Elternzeit ist Luxus, aber eins ist sie ganz sicher nicht: ein Wellnessurlaub. Und ich bin mir sicher, dass es auch in Bernds Elternzeit den einen oder anderen Moment gegeben hat, in dem er lieber im Fitnessstudio gewesen wäre, als Babybrei vom Boden aufzuwischen und den Windeleimer zu leeren. Zunindest nehme ich das an. Aber was weiß ich schon. Ich Fliegengewicht.

2 Kommentare

  1. *Unterschreib. Vollkommen. Ja, genauso isses!

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  2. Ja und ja und ja. Jajajajajaja! Schon im Auto während der 20- minütigen Fahrt zu meiner Schule denke ich: "Ach wie schön. Musik hören. Keine Kinderlieder." Erwachsenenmusik. Und dann in der Schule trinke ich eine Tasse Kaffee und die ganze Zeit, während ich arbeite, fühle ich mich irgendwie fast faul, so entspannt ist das ... im Vergleich zu zwei kleinen Kindern zu Hause :)

    http://mamaleoni.blogspot.de/

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