Ein Jahr nach dem großen Gebrüll: Was aus meinem Schreibaby wurde

Donnerstag, 22. Januar 2015

Heute vor einem Jahr waren wir an einem Tiefpunkt. Piepsi war etwa sechs Wochen alt, und wenn sie nicht gerade schlief oder gestillt wurde, dann schrie sie. Ich wusste zwar, dass die Zeit des großen Gebrülls irgendwann enden würde, schließlich kenne ich kein fünfjähriges Kind, das jeden Tag stundenlang schreit, aber ich fragte mich, wie wohl meine Tochter später einmal sein würde. Ich fragte mich, was für einen Charakter, was für ein Gemüt dieses Kind, das offenbar so unglücklich auf dieser Welt war, haben würde. An diesem Tag hatte ich in einem Kinderkrankheits-Lexikon gelesen, dass Schreibabys später oft an ADHS leiden und aggressiv sind. Freund Google teilte mir zudem mit, dass es oft für Dreimonatskoliken-Kinder später schwierig wird, sich in einer Krippe zurechtzufinden und zu integrieren. Nun hatten wir an diesem Tag einen Termin bei einem Kinderneurologen, um sicher zu gehen, dass Piepsi nicht womöglich unter Anfällen oder Krämpfen leidet. Und um meine größte Sorge endgültig auszuräumen - nämlich dass meine Tochter Schmerzen hat und wir irgendwas übersehen.
Bei Piepsis Anblick, die wir im Fliegergriff ruhig hielten, meinte der Neurologe lächelnd: "Wie süß." Bei meiner Frage nach ADHS sagte er: "Blödsinn. Das können wir erst in etwa sechs Jahren sagen." Bei meiner Sorge, mein Kind könnte womöglich doch noch monatelang schreien, sagte er: "Ich bin mir sicher, dass das nach zwölf Wochen vorbei ist. Wenn nicht, dürfen Sie wiederkommen und mich persönlich beschimpfen." Ich bin nicht wiedergekommen.
Aber was ist nun aus Piepsi geworden? Wie ist sie heute? Nachdem Brigitte Mom aus irgendwelchen Gründen (ich weiß tatsächlich nicht wie) auf meinen Blog aufmerksam wurde und in einer Ausgabe auf ihn hinwies, habe ich einige Emails von Eltern mit Schreibabys erhalten. Zum Teil sehr traurige und besorgte Emails. Ich kann die Verzweiflung verstehen, daher ein paar Sätze zu meinem etwa 13 Monate alten Töchterchen:
Dass ich das niedlichste Baby der Welt habe, wurde hier schon mehrfach erwähnt. Tatsache ist: Sie ist sogar noch niedlicher geworden. Aber das Erstaunlichste an Piepsi ist, dass sie unfassbar fröhlich ist. Keine Ahnung, woher sie das hat. Von mir jedenfalls nicht. Die Eingewöhnung in der Krippe verlief absolut problemlos und komplett ohne Gebrüll. Denn die Kleine findet es toll, mit anderen Kindern zu spielen. Die Erzieher sprechen von einem "Bilderbuchkind". "Immer am Lachen" und so. Naja, soweit würde ich jetzt nicht gehen, denn Piepsi rutscht so langsam in die Trotzphase, was ja auch völlig normal, wenn auch etwas anstrengend ist. Auch von Entwicklungsverzögerungen, die Google beim Begriff "Schreibaby" ausspuckt, kann ich nichts feststellen. Meine Tochter ist mit sieben Monaten gekrabbelt, mit elf Monaten gelaufen und fing mit zwölf Monaten mit "Mama", "Baba" und "Wauwau" an. Oh weh, jetzt kling ich wie die letzte Poser-Mutti. Aber ich schreibe das wirklich, um anderen Eltern Hoffnung zu machen. Vielleicht habt ihr das tollste, zufriedenste und glücklichste Baby der Welt. Ihr könnt es nur noch nicht erkennen. Deshalb: Haltet durch. Was bleibt euch auch anderes übrig? Hätte mir vor einem Jahr noch jemand gesagt, dass ich heute in der Lage sein würde, diesen Text zu schreiben, während meine Tochter neben mir ein Bild "malt", hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Oder (wahrscheinlicher) geheult. Jetzt hoffe ich nur, dass Piepsi so lustig bleibt, wie sie ist. Und nicht allzu schnell dahinter kommt, dass gar nicht alle Menschen nett sind.

4 Kommentare

  1. Oh wie war, ich finde mich und unseren Kleenen in jeder Zeile wieder. Ich lese grad Deinen Blog während unser inzwischen 13 Monate alte Sohn zufrieden mit seinen Autos spielt. Wir hatten auch unsere Startschwierigkeiten und ich hätte nie gedacht, daß das Gebrüll von unserem Sohn mal vorbei gehen würde. Nach 12 Wochen war das Gebrüll nicht vollkommen verschwunden, aber die Abstände wurden immer größer. Und heute fast 13 Monate später ist er einfach richtig gut drauf. Eine kleine freundliche Person, wie wir immer sagen. Und ich freu mich einfach auf die tolle Zeit mit ihm.

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  2. OMG ich bin dir sooo dankbar für diesen Blog!
    Ich habe auch ein Schreibaby und wir sind nun mittlerweile in der 12 Woche angekommen. Mittlerweile wird´s gaaanz langsam besser!
    Ich erkenn unseren Kleinen sehr oft in deinen Zeilen und hoffe sehr, das er sich auch so toll entwickelt wie deine Tochter!

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    1. Ganz bestimmt! Es wird immer besser werden - und dann wieder schlechter;) Aber anders schlechter! Ich bin auch heute noch oft von meiner Tochter genervt. Wenn sie zum Beispiel wütend wird, weil ihr meine Stiefel nicht passen oder ich ihr verbiete, noch eine zweite Banane zu futtern;) Aber das ist alles kein Vergleich zu der Schreizeit am Anfang, als man komplett hilflos und ohnmächtig war. Das Fiese an den ersten Wochen ist ja auch, dass man anfangs so wenig von seinem Baby "zurück bekommt". Die Kleinen können kaum sehen, nehmen noch so wenig war, lächeln nicht einmal. Heute gibt mir meine Tochter dicke Küsschen, nennt mich Mama, nimmt mich in den Arm, lacht ganz viel - ach, das ist schon schön:) Alles wird gut!

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  3. Mein kleiner Schreihals wickelt mittlerweile auch alle mit seinem Lächeln um den kleinen Finger.
    Deinen Blog hätte ich damals mal gebraucht, als ich tagelang abends vollkommen verzweifelt auf dem Sofa saß, während mein Freund versucht hat den Zwerg zu beruhigen. Zum Glück ist die Zeit vorbei.
    Zur absoluten Weißglut hat mich der Spruch "kleine Kinder kleine Sorgen, große Kinder große Sorgen" gebracht. Diejenigen Mütter, die das behaupten, hatten entweder ein Baby, welches meistens gut geschlafen hat und selten schrie, oder ein ganz schlechtes Gedächtnis.

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