Hurra, wir sind spießig!



Ich bin spießig. Nach dem Studium verließ ich die Stadt, die mir immer zu klein war, um in eine noch kleinere Stadt zu ziehen, verliebte mich auf der Arbeit in einen Mann, zog mit ihm zusammen, heiratete ihn, bekam zwei Jahre später ein Kind. Laaaangweilig! Wo bitte steht der nächste weiß gestrichene Gartenzaun, an dem ich mich erhängen kann? Was wurde aus meinem Zynismus und Indie-Rock’n’Roll? Was aus einem erträumten Leben als Bohème in Berlin, Hamburg, zur Not auch Leipzig (oder, ganz verrückt, in New York)? Wo sind Zigaretten, Rotwein, Prekariat und bewusstseinserweiternde Drogen? Nun ja, wenigstens das Prekariat ist mir geblieben, immerhin bin ich Journalistin. Außerdem habe ich festgestellt: Allen anderen geht es genauso. Da ziehen Freunde vom Schanzenviertel (Altbau mit Stuck) vor die Tore Hamburgs und schreiben mir: „Hurra, wir werden Vorstadtspießer!“. Die beiden planen Nachwuchs. Meine Hauptstadtfreundin, einst ein freies Vögelchen, das sich nie festlegen wollte, ist schwanger und kennt und benutzt Wörter wie „Maxi Cosi“ und „Manduca“. Eine andere Freundin, die mich stets damit beeindruckt hat, als zierliches Persönchen Unmengen Alkohol zu vertragen, zieht mit ihrem Freund aufs Land, in ein Haus mit ihren Eltern – schwanger! Und das Schönste dabei: Es fühlt sich richtig gut an. Und dass ich spießig bin, ist nach meiner eigenen Definition absoluter Quatsch.
Wie das Wort „spießig“ gebraucht wird, hat mich schon immer gestört. Nur weil jemand in Cloppenburg oder Donaueschingen wohnt, muss er noch kein Spießer sein. Und Kinderkriegen ist erst recht nicht spießig, höchstens wahnsinnig. Ich meine: Vollgekotzte Klamotten, durchgemachte Nächte, Essensreste im Haar – klingt doch eher nach Hausbesetzung als nach Spießertum, nich?
Nein, spießig ist, wer spießig denkt, also in erster Linie: verurteilt. Und diese Spießer gibt es im linken ebenso wie im konservativen Milieu. Während meines Studiums in einer sehr grünen Studentenstadt sprachen wir von „Öko-Faschisten“ und meinten damit Leute wie die, die einem Freund Eier an die Haustür warfen, weil er bei Aldi statt Allnatura einkauft. Allerdings ist dieser Freund dauerpleite und kann sich einfach nichts anderes leisten. Naja, hoffentlich waren es wenigstens Eier von glücklichen Hühnern.
Als Amateur-Mutti werde ich derzeit fast täglich mit meinen Vorurteilen konfrontiert und kann mir selbst beweisen, dass ich eben nicht spießig bin und mich daher auch einmal auf ganz verrückte Sachen einlasse. Zum Beispiel auf ein Mutter-Kind-Frühstück in der katholischen Kirche. Aber das ist eine andere Geschichte.

Kommentare

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