Ich bin genau da, wo ich nie sein wollte

Es war einmal ein Mädchen, das zog hinaus in die Welt und hielt sich für mächtig schlau. Es hatte große Träume, am liebsten wollte es Schriftstellerin werden, zumindest aber eine richtig gute Journalistin. Am liebsten hätte es in Frankreich gewohnt, und wenn schon Deutschland, dann doch wenigstens in einer Großstadt, und eigentlich gibt es da nur Berlin. Das Mädchen wurde älter, die Träume wurden kleiner und das Glück, das wurde größer.
Ich bin jetzt genau da, wo ich vor zehn Jahren auf gar keinen Fall sein wollte. Ich bin Teil des Mittelmaßes,  nichts Besonderes. Ich habe mich gebunden und wohne umgeben von Raufasertapeten. Und ich habe ein Baby. Kein Künstlerleben, keine Kippen, keine große Reisen. Es fühlt sich gut an.
Vor zehn Jahren wäre eine Woche Ferienhaus in Dänemark für mich unvorstellbar gewesen. Aber jetzt macht das alles plötzlich Sinn. Jetzt verstehe ich, warum so viele Menschen in Ferienhäuser fahren, warum sie ländlich wohnen wollen, im Grünen, wie es so heißt.
Dass ich nie reich und berühmt geworden bin, ist auf einmal völlig egal, dafür hätte ich gerade gar keine Zeit, all meine Zeit will ich diesem kleinen Wesen widmen, das mir jeden Morgen so viel Anerkennung schenkt, einfach nur dafür, dass ich da bin. Mitten im Mittelmaß habe ich das Besondere gefunden, und jeden Tag entdecke ich es neu und bin erstaunt darüber, wie erstaunt mein Baby über die Welt ist. Und jeden Tag freue ich mich auf das, was ich mit der Kleinen noch alles erleben will. Auf den ersten Spielplatzbesuch und das erste richtige Weihnachtsfest, auf ihren ersten Geburtstag, auf Waldspaziergänge, tatsächlich auch auf Brettspielabende, die ich ansonsten hasse, und auf den ersten Urlaub. Den wird es im September geben. Wir fahren in ein Ferienhaus. Ich kann es kaum erwarten.


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