Digital Native im Holzspielzeug-Land

Ich will, dass Piepsi in einem Holzspielzeug- und Teddybärenland aufwächst. "Tut sie doch", sagt mein Mann, "ich habe ihr ganz viel Holzspielzeug gezeigt. Hier auf meinem Rechner."
Ja, seit meine Tochter auf der Welt ist, wird mir bewusst, wie sehr ich zwischen Laptop, iPad und Smartphone hin- und herpendele. Ich glaube, seit Piepsis Geburt ist es sogar noch schlimmer geworden. Meine Freunde und meine Familie wollen rücksichtsvoll sein und kein schlafendes Baby wecken. Daher wird öfters mal gemailt oder gesmst als angerufen. Mach ich bei meinen Freunden mit Baby übrigens nicht anders. Tja, aus der Traum vom Pappbuch-Babyalter, es regieren Bildschirme, zumal abends auch mal der Fernseher läuft. Wenn ich bemerke, dass Piepsi sich nicht länger mit der Stoffrassel beschäftigt, sondern auf die Mattscheibe glotzt, stelle ich den Apparat schnell mit schlechtem Gewissen aus. Aber ja, mein Kind wächst als Digital Native auf, während ich selbst noch ein Digital Immigrant war, was irgendwie richtig gut war. Als Baby und Kleinkind voll auf Holzklötze gesetzt, dann in der späten Pubertät den Start ins Internetzeitalter miterlebt und im Studium schon so selbstverständlich damit gearbeitet, dass mich die multimediale Revolution nicht so schockiert wie manch einen aus der älteren Generation. Ich sehe dieses ganze Internet mit einer gewissen Gelassenheit und nicht als Untergang des Abendlandes. Korrigiere: Ich sah es so. Aber dann kam sie, und jetzt mach ich mir doch so meine Gedanken. Piepsi ist echt scharf auf mein iPad. Ist ja auch so das perfekte Babyspielzeug - nur eine Taste und man kann so richtig drauf rumgrabschen. Es macht Geräusche und leuchtet in bunten Farben. Und plötzlich sehe ich all die Gefahren. Zum Beispiel Cybermobbing. Klar, fertig gemacht wurden Schüler, seit es die Haltung Pubertierender in engen Klassenräumen gibt. Aber damals gab es immerhin noch die Möglichkeit eines Schulwechsels. Aber heute müssen die neuen Mitschüler nur einmal Google anwerfen, und schon verfolgt einen ein gewisser Ruf. Und dann dieses Sexting. War mir bis vor Kurzem auch kein Begriff. Aber ein paar Schüler haben es mir erklärt: Aus Verliebtheit (und weswegen sonst begeht man solche Dummheiten?) schicken sich Jugendliche erotische Fotos von sicher per Handy, die dann flugs weiterverbreitet werden, so dass die Mädchen (oder Jungs) sich zum Gespött ihrer Mitschüler machen und des Lebens nicht mehr froh werden. Ja, auch ich hatte den Gedanken, "wie doof kann man denn sein...". Aber dann habe ich mich umgehört - das machen tatsächlich erschreckend viele. Tja, und meine Aufgabe ist es nun, Piepsi vor all diesen Gefahren zu warnen - und zwar rechtzeitig. Nicht so wie diese Drogenaufklärungsnummer, die bei uns in der achten Klasse veranstaltet wurde. Und damit drei Jahre zu spät.
Aber bei all dem Geunke gibt es auch Hoffnung für mein Holzspielzeug- und Teddybärenland. Nostalgisch veranlagt, haben mein Mann und ich derzeit nämlich noch drei Zeitungen im Abo. Und Piepsi liebt sie heiß und innig. Auch wenn ihre Lektüre meistens in einem ordentlichen Verriss gipfelt, den wir anschließend zusammenknüllen und ins Altpapier stopfen. Zumindest diesen Spaß können ihr all die Bildschirme in unserer Wohnung nicht bieten.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Ich habe fertig

Welche Fee hätten'S denn gerne?