Jedes Kind kann schlafen lernen - nicht

Ich bin erschöpft. Das ist meine einzige Entschuldigung. Ich habe seit 17 Monaten nicht mehr durchgeschlafen und muss derzeit häufig sehr früh (und mit sehr früh meine ich: um 4 Uhr) für meine Arbeit aufstehen. Bislang haben wir als Eltern das alles mit Fassung getragen, was wohl auch daran lag, dass Piepsi abends mit etwas Händchenhalten eigentlich nach spätestens 20 Minuten ganz gut einschläft und nachts, wenn sich jemand neben sie legt, mit etwas Händchenhalten nach dem Aufwachen meistens ganz gut wieder einschläft - ehe die Nacht dann um 5 Uhr endgültig vorbei ist.
Das ist seit ein paar Wochen nicht mehr der Fall. Oft brauchen wir abends bis zu 90 Minuten, bis Piepsi schläft - und das, obwohl sie todmüde ist. Dann ist es oft schon fast neun Uhr, und da ich ja so fies früh aufstehen muss, kann ich mich gleich dazu legen - Ich-Zeit gleich Null. Sozialleben? Ausgeschaltet. Genug gejammert. Da muss sich was ändern. Dachte ich.
Natürlich weiß ich seit frühester Babyzeit von der Ferber-Methode und der etwas abgeschwächten Form, die in dem umstrittenen Ratgeber "Jedes Kind kann schlafen lernen" beschrieben wird. Ich kenne die Kritik an dieser Methode, die vorsieht, nach einem kuscheligen Abendritual das Kind ins Bett zu legen und trotz Protest das Kinderzimmer zu verlassen, um dann nach zunächst 3 Minuten, später dann 5 oder 7 Minuten wieder nach dem Kind zu sehen, es zu trösten, dann aber wieder aus dem Raum zu gehen. So soll das Kind lernen, selbst einzuschlafen.
Was für ein herrlicher Gedanke: Piepsi noch ein Küsschen aufdrücken, ab in die Heia, und raus in den Eltern-Feierabend. Aber wer einmal durchs Internet schaut, wird nur Negatives über die Methode lesen. Lieblos, großer Stress für Kinder und Eltern, schwere traumatische Schäden, ich weiß nicht was. Das ist bei mir hängen geblieben: "Jedes Kind kann schlafen lernen" ist der Satan. Dennoch habe ich mich mal bei Freunden und Bekannten umgehört, in der Erwartung, Ähnliches zu hören, das mich in meiner Meinung bestätigt. Aber was soll ich sagen? Satan ist ziemlich beliebt.
Die einen haben es strikt nach Lehrplan durchgezogen, die anderen etwas abgeschwächt mit kürzeren Wartezeiten. Das Krasseste, was ich gehört habe: "Ich bin raus in den Garten gegangen, um das Gebrüll nicht zu hören." Puh.
Die Hauptkritik, die ich gelesen habe, war, dass kleine Babys gar nicht wissen, was geschieht. Nun hatte sich eine Freundin aber bei einer Jugendtherapeutin erkundigt: Tatsache ist, die Methode ist für Babys absolut ungeeignet, bei Kleinkindern aber durchaus erfolgversprechend. Ich glaube, das war es, was mich schließlich davon überzeugt hat, es doch einmal auszuprobieren. Und zwar gestern Abend.
Ab dem Mittag waren mein Mann und ich angespannt. Wir wussten, dass da abends etwas auf uns zukommen würde. Wir dachten, uns würde ein sehr langer Abend bevorstehen. Dem war nicht so: Piepsi schlief nach einer Stunde. Aber es war die Hölle.
Drei Minuten vor der Tür warten, während das Kind weint? Als Mutter eines ehemaligen Schreibabys dürfte das doch kein Ding sein. Dachte ich. Aber es ist ein himmelweiter Unterschied, ob mein Kind trotz mir schreit - oder wegen mir. Ob ich alles tue, was in meiner Macht steht, um es vom Schreien abzuhalten und es zu beruhigen - oder ob ich ihm bewusst meine Hand entziehe, es alleine lasse und damit das Schreien verursache. Und Piepsi schrie. Sie schrie, bis sie hustete und ich dachte, dass sie sich gleich übergeben würde. Wir sind sofort vom Lehrplan abgewichen, eine siebenminütige Wartezeit schien uns undenkbar. Dennoch wollten wir es durchziehen. "Ihr müsst konsequent sein", wurde uns gesagt. Wir saßen beide im Wohnzimmer, mein Herz hämmerte heftig, aus dem Kinderzimmer nach etwa einer halben Stunde ein etwas heiseres Gebrüll. Kaum gingen wir zu Piepsi, kaum hielt sie unsere Hand, beruhigte sie sich, war kurz vorm Einschlafen, aber genau das sollte sie doch nicht: in unserer Anwesenheit einschlafen.
Dann Geräusche, die wir nicht zuordnen konnten. Das Babybett, das auf dem Parkett quietschte. "Die muss heftig herumtoben", dachte ich. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, die in Wirklichkeit aus einer Stunde "Schlaflerntrainig" bestand, schlief meine arme kleine Tochter ein. Und ich fühlte mich wie ein Arschloch.
Ich habe weitere Internetseiten besucht, bekam auf einmal ein ganz klammes Gefühl ums Herz. Urvertrauen, Trauma, Kind gebrochen. Ist das übertrieben? Oder trifft das zu? Habe ich gerade mein eigenes Kind, mein Allerliebstes gefoltert?
In der Nacht schlief Piepsi gut, ich nicht. Ich hatte Angst davor, ihr am nächsten Morgen in die Augen zu sehen. Angst, dass sie mich nicht mehr lieben könnte. Aber sie war wie immer. Bis zum Mittagsschlaf.
Da legte ich sie wie üblich hin, wollte nur eben auf dem Flur noch etwas einräumen und mich dann ohnehin zu ihr legen - als ich wieder das Bettquietschen hörte. Und diesmal sah, was es damit auf sich hatte: Piepsi hielt sich an den Gitterstäben fest und donnerte den Kopf mit voller Wucht gegen den Bettrahmen. In diesem Moment machte es in meinem Herzen KLIRR. Was bin ich nur für eine Scheißmutter, die es zulässt, dass sich meine kleine Tochter selbst verletzt? Nie wieder Schlaflerntraining, das stand für uns in diesem Moment fest. Irgendwann wird sie schon schlafen lernen - oder alt genug sein, um selbst zu uns ins Bett zu krabbeln.
Eins möchte ich aber doch noch sagen: Ich kann mir vorstellen, dass es Kinder gibt, bei denen das Programm weniger dramatisch abläuft, weil sie ein anderes Temperament haben. Weil sie sich besser regulieren und selbst beruhigen können. Kinder, die vielleicht nur ein bisschen meckern und dann recht schnell lernen, alleine einzuschlafen. Piepsi ist nun mal anders. Und ganz wunderbar. Heute Nacht werde ich mich wieder zu ihr legen und Händchen halten. Ich freue mich drauf.

Kommentare

  1. Oh man, das tut mir wahnsinnig leid für euch beide.
    (Gerade beim Bettbringen meiner Tochter gelesen und mir kamen fast die Tränen.)
    Vielleicht ein Tipp, der dir hilft "Schlafen statt schreien" von Elisabeth Pantley, hier so eine kurze Zusammenfassung: http://www.netmoms.de/magazin/baby/so-lernt-dein-baby-schlafen/sanft-schlafen-lernen-in-10-schritten/
    Was da vor allem hilft, ist erst die Schlafanalyse, danach ein Plan, den man so zehn Tage durchführt und so Schritt für Schritt es besser wird.
    Vor allem wichtig ist da die Einführung von Ritualen, und es wird empfohlen, dass zB. die Mama ein Kuscheltier unterm Shirt tragen, so dass es nach ihr riecht und dann leichter mit dem Kuscheltier eingeschlafen wird.
    Da wird versucht, eine Lösung für das jeweils individuelle Schlafthema zu finden.
    Und vielleicht tröstet dich der Artikel von geborgen wachsen, darüber dass die meisten Kinder nach dem ersten Geburtstag nicht durchschlafen etc. http://geborgen-wachsen.de/2015/05/22/schlaf-schoen-und-traeum-was-suesses-warum-kinder-auch-nach-dem-1-geburtstag-noch-nicht-durchschlafen/
    Alles Gute für euch!
    Miss S.

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    1. Danke für die Lesetipps! Ich werde mir das beizeiten mal anschauen. Momentan brauche ich aber wohl erstmal eine Ratgeberpause...

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  2. Och je, ihr Armen! Ich kenne das gut! Bei meinem ersten Kind habe ich diese blöde Methode auch versucht. Es war die Hölle. Ich saß heulend auf der Couch und habe die Sekunden gezählt, bis ich endlich wieder rein durfte. Nach drei Tagen habe ich aufgegeben. Ich gebe zu, ich habe auch nach dem dritten Kind kein Patentrezept. Auch meine vierjährige Tochter schläft noch immer zwischen uns, aber meinen Kindern geht es gut. Sie sind nicht verwöhnt, verzogen oder sonst irgendwie durchgeknallt. Ganz liebe Kinder und die beiden Großen haben mit es mit 5 dann geschafft in ihrem Bett, ohne Geweine und von sich aus ein- und durchzuschlafen. Und auch bei meiner Tochter habe ich es ab und an noch mal versucht sie in ihr Bett zu bekommen. Aber sie kuschelt halt am liebsten mit uns und fühlt sich eben geborgen bei uns. Warum ihr das nehmen? Es ist doch ein schönes Gefühl als Eltern ihr das geben zu können. Irgendwann wird auch sie in ihrem Bett schlafen - von sich aus und mit einem guten Gefühl.
    Es gibt Eltern, die das partout nicht möchten, aber die haben auch die Einstellung dazu und machen es von Geburt an einfach aus der "Natur" heraus. Da klappt es bestimmt 1A. Aber wenn du als Eltern immer dieses schleichende schlechte Gewissen im Nacken hast und es mal so und mal so probierst und dich eigentlich auch viel wohler fühlst, wenn die Maus bei dir ist, dann glaube mir, wird das einfach nichts mit dieser Methode und da rede ich einfach aus Erfahrung!
    Machst du denn einen Mittagschlaf? Bzw. hast du am Tag die Möglichkeit dich zurückzuziehen und mal etwas für dich zu machen oder dich auszuruhen? Nutze diese Zeit ohne schlechtes Gewissen, dann ist die Abendzeit für einen unbestimmten Zeitraum eben nur für euch! Ich drück dir die Daumen, dass du nicht mehr so lange unter dem Schlafmangel leiden musst. Es ist nicht einfach, aber es geht irgendwann vorbei, dass verspreche ich dir!

    Liebe Grüße von Jenny

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    1. Familienbett fände ich super, aber da kommt sie leider nicht zur Ruhe. Stattdessen Matratzenlager neben dem Babybett;) Was auch okay ist - aber wenn der Wecker so früh klingelt, muss ich mich eben ins Elternschlafzimmer zurückziehen. Ich bin jetzt fast erleichtert zu wissen, dass es mit einem Training nicht geht - und das Matratzenlager völlig in Ordnung ist. Dann "verwöhne" ich sie halt. Besser als Babyfolter.

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  3. Hej!
    Vielleicht hilft euch aus der Montessoripädagogik das 'Floor Bed'...das funktioniert auch super mit Händchen halten :)

    Alles Liebe
    L.

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  4. Mir kamen gerade die Tränen bei deinem Bericht. Vielen Dank, dass ich ihn lesen durfte. Wir haben hier die abgeschwächte Version, dass mein Zwergi (8 Monate) sich nicht vom Papa in den Schlaf begleiten lassen will.
    U.a. weil ich sehr früh wieder arbeiten gegangen bin, habe ich auch dein Freizeitproblem. Drei Monate habe ich mit wochentags null Freizeit verbracht, habe mich immer gleich mit ihm ins Bett gelegt. Und dann die Arbeitszeit reduziert, weil ich diese Dauerbelastung nicht mehr ausgehalten habe.
    Mittlerweile finde ich die mitunter sehr lange Einschlafphase oft sehr schön, neben einem glücklichen Zwerg liegen und mit ihm noch etwas Zeit verbringen.
    Aber der Kopf sagt, der Papa muss in auch ins Bett bringen, spätestens wenn die Arbeit Dienstreisen verlangt. Aber das Herz und der Zwerg heulen im Duett, wenn der Papa es versucht.
    Nach deinem Artikel hat erstmal wieder das Herz gewonnen.
    Freizeit habe ich unter der Woche ca. eine Stunde und am Wochenende etwas mehr. Da fordere ich dann aber auch die Zeit ein, die ich dringend brauche, um mit meinem Leben klar zu kommen.
    Ich wünsch dir viel Kraft!

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  5. Puh. Auch ich kann mich 100%ig in dich hineinversetzen. Unser kleiner Moritz wird Ende Septemer 2 Jahre alt und schläft erst seit etwa einem Monat durch. Das Einschlafen abends war bei uns zwar nie so schlimm wie bei euch, aber die Nächte waren der absolute Horror und auch tagsüber hat Moritz kaum geschlafen und viel geschrien. An mehr als anderthalb Std Schlaf am Stück in der Nacht war selten zu denken. Immer wieder kamen Sprüche wie: "Waaas? Du stillst du den nachts immer noch?...Ab 6 Monaten brauchen die nachts nichts mehr..blablabla.." Ich habe drei Wochen lang versucht ihn vor 4 -5 Uhr morgens nicht mehr zu stillen bzw. eine Flasche zu geben. Er hat häufig zwei, drei Stunden am Stück geweint. Ich habe ihn dabei aber nie allein gelassen! Nach dieser Zeit habe ich mir geschworen, einfach den Bedürfnissen meines Kindes nachzukommen und auf meinen Instinkt zu hören. Wenn mein Kind nachts eine Flasche möchte, dann bekommt es sie auch.
    Moritz ist mein erstes Kind und wie jede Mama wollte ich von Beginn an alles richtig machen und es natürlich auch nicht zu sehr verwöhnen! Was habe ich an Büchern, Zeitschriften etc. gelesen... Dabei habe ich leider oft vergessen meinem Mamainstinkt zu folgen. Ein Baby, das schreit, braucht eben die Nähe von Mama oder Papa. Die kleinen Mäusen haben ja keine andere Möglichkeit uns das mitzuteilen!...

    Es freut mich zu lesen, dass du von der Ferber-Methode Abstand nimmst! Es kommt die Zeit, da schläft die Maus allein ein. Ich wünsche dir bis dahin ganz, ganz viel Kraft und Geduld!

    Christina

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    1. Danke für deinen Kommentar! Wenn Moritz mit fast zwei Jahren durchschlief, kann ich ja noch hoffen, dass Piepsi es in einem knappen halben Jahr ebenfalls tut;)

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  6. Schlafentzug ist folter!
    Das schaffst Du, Du bist stark :)
    ....ganz genau nach Deinem Wunsch und Deinem Plan. Mit 13 schlafen sie allein. Das ist ehrlich gemeint, nicht ironisch.
    Ich finde es bewundernswert, daß Du schon so früh so lange Arbeitszeiten hast. Hut ab! Ich konnte mir die Zeiten damals im Studium mit Kind ganz gut einteilen und abends lernen, wenn Kind schlief. Da gab es nur die Papa- Option :)
    Der Kleine wurde von anfang an wach ins Bett gesteckt und schlief allein. Schließlich mußte ich mich dann um den Großen kümmern. Ein Segen! Er ist auch solch ein Wirbelwind gewesen....ist er immernoch :)....in dieser Zeit kam er schneller in den Schlaf, wenn er rhythmisch mit den Kopf gegen die Bettwände dängelte.
    Will sagen, er brauchte dass, um runter zu kommen. Hielten wir ihn davon an, brüllte er los.

    Ich will damit nicht sagen, daß Du sie machen lassen sollst, aber es gibt eben solche Kinder, die das zur Beruhigung brauchen.....habe das Bettchen übrigens bestens ausgepolstert gehabt ;)
    Alles wird gut.
    LiebenGruß von Sandra

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  7. Hallo ich bin gerade erst auf ihren Blog gestoßen, Facebook sei Dank. :-) unsere Tochter war auch ein Schreibaby... Und wir haben das 5,5 Monate durchgehalten, bis ich über Umwege ( und weil ich mich selbst gekümmert habe) in die Ambulanz für Schreikinder gekommen. Keine Ahnung wie wir das durchgehalten haben, aber an diesem Tag war es so, dass ich entweder ihr oder mir was angetan hätte, wenn die Leute uns nicht geholfen hätten. Es tut so gut, ihre Berichte zu lesen. Unsere Tochter ist fast 2,5 Jahre und ich kann sie nur ermutigen ihr die Hand zu halten bis sie schläft. Bei uns hat das auch geholfen. Ich habe mich nämlich nicht durchringen können mein Kind zum schlafen schreien zu lassen. Wir hatten auch ein Bettenlager und waren oft verzweifelt. Aber wenn es irgendwie geht, halten sie durch!!!! Es wird anders. Nicht besser aber anders!!!

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