Aktenzeichen XY und alleine im Wald

Letzte Nacht habe ich schlecht geschlafen. Nein, mit Piepsi hatte das diesmal nichts zu tun. Oder vielleicht doch. Denn gestern Abend habe ich Aktenzeichen XY gesehen. Zum ersten Mal seit gefühlt zwanzig Jahren, da mich crime eigentlich nicht wirklich interessiert. An der gestrigen Sondersendung über verschwundene Kinder bin ich jedoch dran geblieben. Und mir wurde es eng ums Herz.
In der Vor-Baby-Zeit habe ich mich kaum für die Schicksale verschwundener Kinder interessiert, nicht einmal für die ganz großen Fälle wie Maddie McCann oder Peggy. Viel mehr als die Schlagzeilen oder den groben Verlauf der Ermittlungen habe ich nicht wahrgenommen. Jetzt, da ich selbst Mutter bin, sind diese Nachrichten kaum zu ertragen - auch wenn der Kommissar in der Sendung sagte, dass in 99 Prozent der Fälle verschwundene Kinder schon nach wenigen Stunden wieder wohlbehalten wieder auftauchen. Aber schon 1 Prozent ist zu viel.
Ich habe Peggys Mutter in der Sendung gesehen, der journalistisch dämliche Fragen à la "Wie fühlen Sie sich?" gestellt wurden. Wie sie erzählte, dass sie sich ausmalt, wie ihre Tochter wohl jetzt mit Anfang 20 aussehen mag, während in meinem Kopf der Gedanke aufpoppte: "Aber die ist doch sicherlich längst tot." Unaussprechlich. Und wäre ich an der Stelle von Peggys Mutter - natürlich würde auch ich die Hoffnung nie aufgeben.
Aber was tun, um das eigene Kind zu schützen? Bei dem Gedanken, dass jemand meine Tochter anfassen könnte - nein, unvorstellbar, undenkbar, nicht von dieser Welt. Soll ich sie nun einsperren? Ihr elektronische Fußfesseln in Form von Überwachungs-Apps anlegen, die in den USA inzwischen recht verbreitet sind? Soll ich zum Superhelikopter mutieren?
Ich erinnere mich, wie ich selbst als Kind stundenlang alleine im Wald hinter unserem Haus gespielt habe. Und dort gerne an Stellen, an die sich kaum Spaziergänger verirrten. Angst hatte ich damals nie. Und das, obwohl mir eine Klassenkameradin, die in der Nähe wohnte, Gruselgeschichten über dieses Wäldchen erzählte. Man solle da eine Babyleiche in einem Müllsack gefunden haben, sagte sie mir. Ich habe nie überprüft, ob an dieser Geschichte etwas dran war.
Ich erinnere mich auch daran, wie wir die Augen verdrehten bei Sätzen wie: "Steig nie in fremde Autos ein!" Damals nervte mich das. Heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich darüber nachdenke, was es mit diesem Satz auf sich hat. Als Kind habe ich mich ehrlich gesagt nie genau gefragt, warum ich nicht in fremde Autos einsteigen sollte. Wahrscheinlich dachte ich, ein Fremder könnte mich ausrauben, was bei meinem Taschengeld von einer Mark am Sonntag lächerlich gewesen wäre. Auf den Gedanken, dass sich jemand mir nähern will, wäre ich nie gekommen - ich war in dem Alter doch kaum aufgeklärt und wäre in den kühnsten Träumen nicht auf den Gedanken gekommen, dass erwachsene Männer sich für mich interessieren könnten.
Peggy ist nicht in einem abgelegenen Wäldchen verschwunden, sondern auf den letzten 50 Metern ihres Schulweges in einem kleinen, beschaulichen Dorf. Eine totale Sicherheit gibt es für unsere Kinder nicht. Uns Eltern bleibt nur übrig, unsere Kinder wehrhaft zu machen. Meine Kleine:
Nimm nie Süßigkeiten von einem Fremden an.
Geh nie mit einem Fremden mit.
Steig nie zu einem Fremden ins Auto.

Kommentare

  1. Ich habe Gänsehaut! Ich kann seit der Geburt meiner beiden Söhne keine Krimis mehr lesen und auch höchstens noch den Tatort schauen. Und selbst den stelle ich ab, wenn es um Kinder geht. Gut, dass ich den Fernseher gestern aus gelassen habe. Mich nimmt das auch sehr mit! Man kann unseren Kinder wohl keine vollständige Sicherheit geben. Ich war als Kind auch viel im Wald unterwegs, manchmal sogar alleine!

    Ich werde meinen Großen demnächst zum Jiu Jiutsu schicken. Vielleicht bringt es ein wenig Selbstbewusstsein. Man will seine Kinder ja auch nicht überängstlich machen. Es ist ein Spagat. Und die Warnung vor Fremden - schön und gut. Aber viel öfter sind es ja Bekannte, die sich an den Kindern vergreifen. Was die Sache nicht einfacher macht.

    Danke für Deinen Text!

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    1. "Spagat" trifft es sehr gut. Wann bin ich Helikopter-Mutti, wann verfahre ich "grob fahrlässig"? Kampfsport ist sicher eine gute Idee...

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  2. Wenn man Kinder hat ist Angst ein ständiger Begleiter. Es ist so schrecklich, wie viel Böses es hier auf dieser Welt gibt. Furchtbar.
    Du hast es mit deinem Text echt auf den Punkt gebracht.
    Mein kleiner ist jetzt noch ein Baby und ich lasse ihn nie aus den Augen.

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