Die lieben Kollegen

Kürzlich saß ich beim Frisör und hatte bedenklich viel Alufolie auf dem Kopf, als das Telefon am Empfang klingelte. Meine Frisörin wurde gerufen und kam wenige Minuten später mit roten Stresspünktchen im Gesicht zurück. Der Kindergarten habe angerufen, ihre Tochter sei krank, Magen-Darm, und sie erreiche ihren Ex-Mann nicht, müsse jetzt dringend weg. Eine Kollegin springe für sie ein, ob das denn okay für mich sei? Die Kollegin einen Tisch weiter lächelt gequält. Und ich so: Kenn ich. Hatte ich letzte Woche. Also nicht Magen-Darm, sondern ein krankes Kind. Und Kollegen, die mal eben einspringen mussten. Und das ganz ohne zu murren.
Irgendwo in den Tiefen des Netzes habe ich vor ein paar Wochen einen Artikel darüber gelesen, wie ätzend es ist, Mütter und Väter, die es ernst meinen, als Kollegen zu haben. Ständig müssen sie früher (oder sehr pünktlich) weg, ständig kommen sie wegen irgendwas zu spät, ständig ist das Kind krank, und ist das Kind dann wieder gesund, dann werden sie selbst krank, weil sie sich angesteckt haben. An Feiertagen haben sie generell keine Zeit, am Wochenende ebensowenig, weil: Familienzeit. Hinzu kommt die Elternzeit. Ein Jahr oder ein halbes ginge ja noch, meinte letztens ein Kollege zu mir. Das werde ja häufig noch irgendwie personell überbrückt. Schwieriger sei es, wenn Väter (oder Mütter) monatsweise ausfielen. Vier Wochen hier und vier Wochen da. Diese Zeit muss nämlich komplett vom Rest der Mannschaft gewuppt werden. Ähnlich wie die Zeiten, in denen Kollegen wegen Krankheit oder einer Kur ausfallen. Ach ja, Vater-Mutter-Kind-und-Kegel-Kuren gibt es ja auch noch.
So. Und wie kriege ich jetzt in diesem Text noch die Kurve hin zu dem Punkt, an dem ich zu dem Schluss komme, dass Eltern die tollsten Kollegen ever sind? Ich könnte jetzt sagen: Eltern sind extrem stressresistent, mega-multitasking-fähig, brauchen eigentlich auch null Schlaf und haben tatsächlich noch ein Leben jenseits des Jobs, was für dieses ganze Charakterdingens auch nicht gerade schlecht ist. Das mag auch alles stimmen. Dennoch bleibt es dabei: Eltern sind angreifbar, verletzlich und brauchen Extrawürste. Als ich noch keine kleine Tochter hatte, konnte ich arbeiten - immer. Und ich habe es gerne getan. Ich war richtig angefixt und habe auch lange nach Dienstschluss noch Emails gelesen und beantwortet, weiterrecherchiert und geschrieben. Wochenenddienste, Spätschicht, Frühschicht, Dienst an Heilig Abend - war alles machbar. Ist es jetzt nicht mehr. Und wenn Piepsi krank ist, dann müssen meine Kollegen einspringen. Da kann ich noch so stressresistent sein - das bringt meinen Kollegen nichts, wenn ich im Büro fehle, weil ich Fieberzäpfchen in einen kleinen Kinderpopo schieben muss. Gegen ein schlechtes Gewissen hilft nur dies: Piepsi wird älter - und meine Kollegen Eltern. Irgendwann bin ich der alte Sack im Büro und werde mir gerne Kinderkacke-Geschichten von Jüngeren anhören. Und wenn die dann Fieberzäpfchen schieben müssen, schiebe ich dann eben die Extraschicht. Generationenvertragsmäßig.
Die Frisörskollegin hat übrigens einen ziemlich guten Job gemacht. Und sie war nicht einmal genervt dabei, sondern richtig freundlich. Ob sie Kinder hat, weiß ich nicht. Vielleicht ist sie einfach nur nett.

Kommentare

  1. Ich finde es einerseits schade, wenn viele Kollegen mit Unmut reagieren, andererseits kann ich es nachvollziehen. Als ich noch jünger war, hätte es mich wohl auch genervt. Ich war nie der Kindermensch und natürlich möchte man nicht ständig länger arbeiten.
    Jetzt würde ich es verstehen und auch später würde ich das nun sicher.
    Ein eigenes Kind bringt so viel Veränderung.
    Mein Mann hat sein Verhalten gegenüber schwangeren Angestellten auch verändert. Vorher fragte er sich Zuhause oft, ob das nun sein müsse. Ob die Dame denn nun wirklich etwas hat, oder nur frei haben möchte.
    Die Kollegin die zusammen mit mir schwanger war, hatte es viel leichter. Mein Mann war sehr verständnisvoll und hat nicht einmal überlegt, wer jetzt früher gehen darf.
    Kinder verändern die Eltern, sogar schon in der Schwangerschaft. Aus eigenen Erfahrungen lernt man. Oder... ; )

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    1. Ich habe das Glück, sehr verständnisvolle Kollegen zu haben. Ich merke nur an mir selbst einen krassen Vorher/Nachher-Effekt. Als Mutti kann ich derzeit einfach nicht das gleiche Arbeitspensum schaffen wie vorher. Das ist (leider?) so.

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  2. Klasse Bericht! Es macht Spass, bei Dir zu lesen!!! Viele Gruesse! Claudia (mammamiamitzweimaeusen.wordpress.com)

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